Wir teilen hier eine längere Einordnung und Kritik zu der in “linken” Zusammenhängen während eskalierter Kriege immer wieder aufflammenden reaktionären Positionierung zugunsten von Nationalstaaten oder autoritär-nationalistischer Regime. Die komplexe Weltlage erfordert eine differenzierte Analyse, auch von Mächten die in wechselnden Bündnissen und Lagern die Vorherrschaft erringen wollen. Dabei braucht es jedoch Klarheit und konsequente Gegnerschaft gegen Staat und Kriegslogik, gegen jegliche ausbeuterische und unterdrückerische Systeme. Unsere Solidarität gilt den Menschen, die in ihren Regionen ihre Gemeinschaften und das Leben verteidigen und für die Befreiung der Gesellschaft kämpfen.
Campismus und seine konterrevolutionäre Rolle in der Gegenwart
(von: fluechtlingscafe-goettingen.com, 18.04.26)
(…) Wir und andere Teile der antistaatlichen linken Bewegung haben es hier in Göttingen noch immer nicht hinbekommen, eine neue Mobilisierung gegen diesen Krieg, die sich in der Bewegung gegen jegliche Kriegslogik verortet, auf die Beine zu stellen. Mit Entsetzen, Trauer und Wut verfolgen wir die neuen Massaker, die hauptsächlich von Israel und den USA angerichtet werden. Dieser Krieg muss sofort aufhören und die deutsche Regierung sämtliche Kriegsbeteiligung einstellen: Schließung von Rammstein, Einstellung jeglicher Militärkooperation mit den USA und Israel, Stopp aller Waffenexporte …
Gleichzeitig machen wir nicht die Augen davor zu, dass das iranische Regime die Hinrichtungspolitik wieder massiv ausgeweitet hat, und werden uns nie hinter der Fahne dieses Regimes versammeln oder es zu widerständigen Helden verklären helfen. (…) Wir wollen mit dieser Stellungnahme die Widersprüche aufzeigen, die entstehen, wenn Freiheitsbewegungen von jeder Seite nach eigenem Interesse und Geschmack ignoriert oder instrumentalisiert werden. (…)
In einer anti-westlichen, anti-zionistischen Perspektive „Befreiung“ für Palästina als vorgebliches Ziel zu erklären, während die anderen (sub-)imperialen und regionalen Mächte ausgeblendet werden, die die palästinensische Bevölkerung über Jahrzehnte als Spielball für die eigenen Interessen bzw. für ihren Legitimationsgewinn missbraucht haben, ist nicht einfach nur eine durch die aktuelle Eskalation geforderte Setzung von Prioritäten. Uns erscheint das so reaktionär wie Monarchist*innen, oder „Linke“, die sich auf die Seite Israels oder der USA stellen.
Die iranische Gesellschaft hat den achtjährigen Krieg zwischen Iran und Irak in den 80er Jahren erlebt, der mit zwei Millionen Toten auf beiden Seiten endete und Milliarden an Gewinnen für die Rüstungsindustrie einbrachte, wobei alle Kriegsparteien – auch imperialistische Mächte wie die USA, Russland, Europa und Israel – davon profitierten. Das iranische Regime hat sich zunächst durch diesen Krieg etabliert, der für eine massive nationalistische Mobilisierung benutzt wurde. Nicht wenige iranische Linke gingen dem Regime auf den Leim, und riefen dann auch zur ‚Verteidigung des Vaterlandes‘ gegen den irakischen Angriff auf.
Kurz nach Kriegsende wurden im Sommer 1988 dann vom iranischen Regime zehntausende politische Gefangene in wenigen Wochen hingerichtet. Unter den Hinrichteten befanden sich auch Linke wie Angehörige der Tudeh-Partei oder die Mehrheit der Fedajin, die zuvor in chauvinistischer Kriegslogik mit dem Regime zusammengearbeitet hatten. Das Regime zeigte keine Gnade gegenüber solchen reformistischen Linken und erst recht nicht gegen diejenigen, die sich der Logik des „Burgfriedens“ (wie das Prinzip bei Ausbruch des 1. Weltkrieges in Deutschland getauft wurde) widersetzt hatten. Bis heute leidet die iranische Opposition daran, dass damals so viele Linke (und in der Zwischenzeit noch einige tausende mehr) vom Regime ermordet worden oder ins Exil getrieben worden waren.
Die Verlierer*innen des Krieges und der Massenhinrichtungen waren die unterdrückten Menschen. Nach den Kriegszeiten hat die Weltbank mit kapitalistischen Programmen und dem islamischen Regime einen Privatisierungsprozess eingeleitet, der bis heute das mafiöse Regime unterstützt. Und dieses Regime soll für die „Befreiung“ der Menschen im Palästina kämpfen? Wie blind muss man sich vor der Geschichte stellen!
Wir haben bereits mehrfach gegen die Befürwortung der Logik des Krieges Stellung bezogen und auch die sich wiederholenden Fehler der „campistischen Linken“ benannt. Es ist offensichtlich, dass die internationalistische Linke derzeit weltweit schwach ist und nur wenige aktiv an Antikriegsbewegungen beteiligt sind. Den an uns gerichtete Vorwurf angesichts der von Israel und den USA ausgehenden militärischen Eskalation zu keinem neuen Protest vor Ort mobilisiert zu haben, finden wir nachvollziehbar. Wir sind schlicht zuwenige, und durch das wir als eine der wenigen linken Gruppen kontinuierlich aktive Unterstützung und Solidaritätsarbeit mit Geflüchteten in einer Zeit machen, in der der staatliche Rassismus ihnen grundlegende Rechte immer mehr abspricht und vorenthält, sind wir seit längerem schlicht am Rand unserer Kräfte. Wir versuchen dennoch weiterhin, das Bewusstsein für antimiltaristische internationalistische Perspektiven weiter zu entwickeln.
Wir rufen also weiterhin auf zum Kampf gegen diesen Krieg, gegen jegliche Kriegslogik, gegen despotische Regime und gegen Faschisierung und für die Befreiung der Menschen!










