Fluchthilfe

Seit Beginn der Besetzung unterstützen wir täglich Menschen auf ihrer Flucht. Dabei wird deutlich, dass nicht allein ruhige Schlafgelegenheit und Essen, sondern vielfältige weitere Hilfe gebraucht wird. In der OM10 erhalten Geflüchtete Informationen, Essen, Kleidung, medizinischen Rat, Fahrtickets und vor allem Übernachtungsplätze.

Für all diese anfallenden Aufgaben hat sich eine Fluchthilfegruppe gebildet, die sich über die Unterstützung und Mitarbeit von engagierten Menschen freut. Große und kleine Beiträge, auch die Übernahme von einzelnen, punktuellen Aufgaben würden uns sehr entlasten und können den Geflüchteten eine wertvolle Hilfe sein.

Jeden Freitag um 18 Uhr findet ein offenes Treffen der Fluchthilfegruppe in der OM10 statt, zu dem alle Interessierten willkommen sind. Die Gruppe ist über die Mailadresse fluchthilfe_goe-at-riseup.net erreichbar!

Was für eine Nacht! (Bericht von einer Fluchthilfe-Nacht)

Was für eine Nacht, ich bin völlig fertig. Und trotzdem werde ich weitermachen!
Ich hatte mal wieder für die Fluchthilfe am Bahnhof eine Schicht übernommen, diesmal auch für die „Betreuung“ wie wir es nenne. D.h. bis zum nächsten Morgen, wenn alle Geflüchteten wieder on the road sind. Um 23.00 Uhr komme ich in die OM10 zur Vorbereitungsschicht: Betten frisch beziehen, Tee kochen, Korb packen mit Bechern, Zucker, Müsliriegel und Bananen. Zucker brauchen alle Geflüchteten am Bahnhof in ihren Tee, das gibt wieder ein bisschen Energie. Müsliriegel und Bananen beruhigen den Magen und helfen ebenfalls beim auftanken und warm werden.

Wir plaudern noch ein wenig mit den anderen Leuten in der OM10 und gegen 23.30 Uhr geht es los zum Bahnhof. Wir sind zu dritt. Einer der Bewohner aus der OM10, ein Geflüchteter aus Syrien, kommt mit und kann arabisch-englisch übersetzen. Es hilft enorm, wenn jemand mit zum Bahnhof kommt, der/die noch eine andere Sprache spricht als englisch und deutsch.

Mittlerweile treffen wir dort auch die Ehrenamtlichen von der Bahnhofsmission, die ebenfalls Tee und Decken für Geflüchtete haben. Wir verstehen uns gut mit ihnen. Es gibt keine Konkurrenz. Wir ergänzen uns gut, denn was sie nicht zur Verfügung haben, sind Betten und ein Haus zum Aufwärmen. Wir unterhalten uns kurz über Neuigkeiten und unsere Erlebnisse oder Erfahrungen. Dann übernehmen wir sozusagen die Spätschicht am Bahnhof.

Ein einzelner junger Mann sitzt auf einer Bank. Wir sprechen ihn an, geben ihm Tee. Er ist sehr zurückerhaltend, erzählt, dass er aus Afghanistan kommt. Er war in Regensburg, um einen Familienangehörigen zu besuchen, nun ist er auf dem Rückweg nach Friedland und hat den letzten Zug verpasst. Er will mit in die OM10 kommen. Immer wieder hören wir Geschichten darüber, wie Familien auf der Flucht getrennt werden, sich in Deutschland wiederfinden, aber nicht zusammen wohnen dürfen, weil sie getrennt umverteilt worden sind. Eine Umzugsgenehmigung zu bekommen ist total schwer.

Mit dem nächsten Zug kommt eine kleine Gruppe von drei jungen Männern. Sie sind aus Syrien geflohen. Zwei von ihnen sind in einen kleinen Ort im Wendland untergebracht. Sie wollen ihren Freund nach Friedland bringen, damit er dort seinen Asylantrag stellen kann. Der Freund ist total übermüdet. Seit zwei Nächten hat er nicht geschlafen. Auch sie kommen mit ins Haus.

Als wir losgehen ist es ungefähr 1.00 Uhr. Mit uns kommt noch ein älterer Mann, er will nach Freiburg, außerdem zwei junge Männer aus Somalia, die weiter nach Hannover wollen. Sie alle haben ihren Anschlusszug verpasst und müssen bis morgens um 4.00 oder 5.00 Uhr warten, bevor der nächste Zug fährt.

7 Geflüchtete also, die diese Nacht mit uns in ourhouse kommen. Die Anzahl ist jede Nacht anders, manchmal gibt es auch niemanden. Meistens sind es zwischen 5 und 10. Es gibt aber auch Nächte, da sind es zwischen 15 und 25.

Die beiden Somalier sind völlig übermüdet, sie legen sich schnell schlafen, ebenso wie der ältere Mann. Der junge Mann aus Afghanistan trinkt noch in Ruhe einen Tee und isst etwas. Er redet wenig, möchte einfach seine Ruhe. Er geht auch bald schlafen.

Die drei jungen Freunde aus Syrien dagegen sind total aufgedreht, sie kommen nicht zur Ruhe. Erzählen von ihren Familien, ihrem Leben in einem Dorf im Wendland und ihren Wünschen. Der eine Mann hat in Syrien Biochemie studiert, er möchte gerne weiterstudieren. Ich erzähle ihm von den Gasthörerprogrammen für Geflüchtete an den Unis. Wir suchen die Adresse der Studienberatung in Bremen und Hamburg raus, dort will er sich möglichst bald beraten lassen.
Der zweite Mann hat Geschichte in Syrien studiert und als Dozent gearbeitet. Auch er möchte möglichst schnell hier weitermachen.

Der dritte junge Mann schwankt zwischen Überdrehtheit und Erschöpfung. Er hat nicht studiert, hat kaum eine Schulbildung genossen und hat noch keine weitergehenden Pläne. Erstmal den Asylantrag stellen und in Sicherheit sein. Gegen 3 Uhr sind schließlich alle am schlafen.
Ich lege mich auf ein Sofa. Stelle meinen Handywecker auf 3.45 Uhr. Die ersten wollen um 4.09 den frühsten Zug nehmen. Die beiden Somalier sind schon wach als mein Handy klingelt. Sie trinken noch schnell einen Kaffe und sind dann verschwunden. Der junge Mann aus Afghanistan steht auch schnell auf und verlässt uns wieder. Die drei jungen Syrer sind schwerer wachzukriegen. Als die zwei aus dem Wendland endlich auf sind, schaffen sie es doch ihren jungen Freund zu wecken. Gegen 6 Uhr gehen sie zum Bahnhof, um nach Friedland weiterzufahren. Der ältere Mann, der nach Freiburg will, ist der letzte. Er trinkt mit mir noch Kaffee und erzählt aus seinem Leben. In Freiburg hat er einen guten Freund aus der Heimat, den er besuchen möchte.

Als er gegen 7 Uhr geht, habe ich endlich frei und bin total fertig. Ich fahre nach Hause, lege mich ins Bett und schlafe sofort ein. Ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich diese Nacht ohne Schlaf überwunden habe. Trotzdem – das ist es wert. Die Vorstellung, dass diese Menschen in der Kälte auf dem Bahnhof übernachten müssen, ist nicht auszuhalten. Deshalb gehen wir alle doch immer wieder nachts zum Bahnhof.